Die 3 größten Missverständnisse über Achtsamkeit & Meditation
Inhaltsverzeichnis
Achtsamkeit ist in aller Munde, und ein großartiges Werkzeug für mehr Zufriedenheit und Gelassenheit im Leben. Es lohnt sich wirklich sehr, sich damit zu beschäftigen.
Bevor du das machst, gilt es ein paar weit verbreitete Missverständnisse aus dem Weg zu räumen. Ich bin ihnen lange selbst aufgesessen. Sie führen dazu, dass man entweder denkt „Ich kann nicht meditieren“, oder das Gefühl bekommt, es nicht „richtig“ zu machen.
Damit es dir nicht genauso geht, habe ich diesen Text für dich geschrieben.
Übrigens: Du kannst in jeder Körperhaltung meditieren. Ob du an der Erde, auf einem Kissen oder aufrecht auf einem Stuhl sitzt, ist völlig egal. Wichtig ist, dass deine Meditationshaltung zu dir und deinem Körper passt.
Missverständnis Nummer 1:
Beim Meditieren darf man nichts denken
Du setzt dich auf dein Meditationskissen, und plötzlich sind all diese Gedanken da …
Das ist normal.
Nichts zu denken ist praktisch unmöglich. Früher oder später (meistens früher) kommt ein neuer Gedanke. In der Achtsamkeitsmeditation geht es nicht darum, das Denken zu unterdrücken oder unterbinden.
Denken ist eine großartige Fähigkeit, die dich träumen, planen und Ziele haben lässt. Die dir erlaubt, in Erinnerungen zu schwelgen, kreativ zu sein und komplexe Zusammenhänge zu verstehen. Die Kehrseite davon ist, dass Denken dich dazu bringt, viel Zeit in der Vergangenheit oder Zukunft zu verbringen – anstatt im gegenwärtigen Moment. Das kann hilfreich und angenehm sein, wenn du die Vorfreude auf deinen Urlaub genießt oder ein schönes Erlebnis nochmal Revue passieren lässt. Das kann aber auch wenig hilfreich und unangenehm sein, wenn du nachts wach liegst und über das gestrige Arbeitstreffen grübelst, oder Sorgen angesichts der Weltlage in deinem Kopf eskalieren.
So oder so: Die Vergangenheit ist vergangen und lässt sich nicht mehr ändern. Die Zukunft ist noch nicht da und niemand kann sagen, was sie bringt. Dein Leben findet jetzt statt – in genau diesem Moment, in dem du gerade diese Zeile liest. Es lohnt sich also, mehr Zeit im Moment, im Hier und Jetzt zu verbringen.
Genau das trainierst du mit Achtsamkeitsmeditation. Du übst nicht, nicht zu denken. Du übst, bewusst(er) wahrzunehmen, wenn du denkst – und Gedanken immer wieder loszulassen, anstatt sie weiterzuverfolgen und dich dadurch in der Vergangenheit oder Zukunft zu verlieren. Du übst, immer wieder in den Moment zurückzukehren.
Die Technik dafür ist super simpel:
1. Aufmerksamkeit im Hier und Jetzt platzieren und dort „ankern“, indem du zum Beispiel auf deinen Atem achtest.
2. Registrieren, wenn deine Aufmerksamkeit nicht mehr bei deinem Anker ist, sondern in einem Gedanken.
3. Den Gedanken loslassen, und deine Aufmerksamkeit erneut im Hier und Jetzt platzieren.
Diese Technik wiederholst du immer wieder und wieder. Die Umsetzung ist nicht immer leicht: Manchmal registrierst du einen Gedanken sofort. Manchmal denkst und denkst und denkst … und denkst du, und nach fünf Minuten fällt dir ein: „Ach, ich sitze ja hier zum Meditieren!“ – und dann lässt du deinen Gedanken los. Manche Gedanken kann man leicht fallen lassen; andere kommen hartnäckig immer wieder.
Das alles ist okay. Es gibt keine gute und keine schlechte Meditationspraxis. Dein Geist ist jeden Tag anders drauf: Mal wach, mal müde. Mal ruhig, mal wild. Mal fokussiert, mal konfus. Mal voranstürmend, mal träge. Dementsprechend darf auch deine Praxis jeden Tag anders sein. Das ist das Schöne: Du lernst dich durch die Praxis besser kennen, und vor allem lernst du, dir selbst geduldig und wohlwollend zu begegnen.
Missverständnis Nummer 2:
Gefühle und Geräusche stören die Meditationspraxis
Du setzt dich auf dein Meditationskissen, und plötzlich fühlst du den Ärger aus diesem Streitgespräch letztens mit voller Wucht. Oder eine tiefe Traurigkeit, von der du dich sonst ganz gut ablenken kannst, wenn du beschäftigt bist. Oder dein Nachbar fängt genau in diesem Moment an, seinen Laubbläser zu betätigen. Oder Posaune zu üben. Oder das Telefon klingelt.
Alle diese Dinge haben das Potential, dich abzulenken, weil alle diese Dinge Gedanken erzeugen können: Du fühlst die Wut – und schwupps bist du wieder in dem Gespräch und spielst den Film dazu zum dreiunddreißigsten Mal ab. Du hörst den Laubbläser, und denkst über Laubbeseitigung im Allgemeinen und deinen Nachbarn im Speziellen nach.
Das macht diese Dinge zu großartigen Gelegenheiten, Achtsamkeit zu üben. Quasi perfekte Trainingsbedingungen. Denn: Es geht ja darum, im Moment zu sein. Es geht nicht darum, die Realität auszusperren. Deine Gefühle und die Geräusche deiner Umgebung sind Teil des Moments und gerade real.
Die Übung ist nicht, das Gefühl nicht zu fühlen oder das Geräusch nicht zu hören. Die Übung besteht darin, das Gefühl zu fühlen – und nicht in die Geschichte dahinter und ins Denken zu rutschen, sondern immer wieder zum Fühlen zurückzukehren. Nur den Ärger spüren – ohne dass du darüber nachdenkst, was du hättest anders sagen sollen, warum dich die andere Person aufregt, und warum du wirklich Recht hast.
Gefühle wollen gefühlt werden. Ohne Wegschieben, ohne Reinsteigern. Gefühle erlauben dir, eine Situation zu verarbeiten, und diese Verarbeitung ist wichtig. Das spannende ist: Wenn du ein Gefühl wertungsfrei zulässt und es schaffst, den Frust, die Trauer oder was auch immer gerade da ist, auszuhalten, trägt das oft dazu bei, dass sich dieses Gefühl wandeln und auflösen kann.
Das gleiche Prinzip kannst du auf Geräusche übertragen: Du hörst den Laubbläser, und es ist ein Geräusch, das du generell nicht magst, und das dich jetzt gerade in diesem Moment massiv stört. Anstatt dich zu verlieren in einer gedanklichen Streitschrift, warum Laubbläser verboten gehören und was du deinem Nachbarn gern an den Kopf werfen würdest („ Früh morgens! Am Wochenende!!“), lautet die Übung: Immer wieder loslassen, zurückkehren zu dem, was gerade ist, und deine Aufmerksamkeit ankern beim Atem.
Das spannende ist: Deine Wahrnehmung formt deine Realität. Wenn du viel über Laubbläser nachdenkst und dich darüber aufregst, nehmen diese Dinge und Geräusche sehr viel mehr Raum in deiner Realität ein. Schaffst du es, diese Gedanken immer wieder loslassen, verliert auch die Quelle der Gedanken (also das Geräusch) an Bedeutung und Präsenz, und du nimmst den Lärm viel schwächer oder als weniger störend wahr.
Ich hatte dazu vor Jahren eine Situation im Kurs, die dieses Prinzip wunderbar verdeutlicht: Wir haben meditiert, und während dieser Zeit bellte vor der Tür des Studios ein Hund. Im Gespräch nach der Meditation erzählte eine Teilnehmerin, wie sehr sie der Hund abgelenkt hat, und sie dann vor allem damit beschäftigt war, sich abwechselnd über den Hund und sich selbst zu ärgern. Eine andere Teilnehmerin schaute sie entgeistert an und fragte: „Welcher Hund?!“ Je nachdem, wo wir unsere Aufmerksamkeit platzieren, nehmen wir die Dinge überdeutlich, schwächer, oder auch gar nicht wahr.
Mal ganz davon abgesehen: Nur weil du beschlossen hast, ausgerechnet jetzt zu meditieren, kannst du nicht erwarten, dass dein Nachbar seinen Tagesplan nach deinem richtet oder seine Liebe für Laubbläser aufgibt. Selbst wenn du in ein Schweige-Retreat fährst, wo es keine Nachbarn, keinen Lärm und keine Streitgespräche gibt: Es wird immer innere und äußere Umstände geben, die dir nicht gefallen. Mit denen du einen Umgang finden und leben lernen musst. Das auf eine gelassene, akzeptierende Weise zu tun – genau das übst du mit Achtsamkeitsmeditation.
Missverständnis Nummer 3:
Meditation und Achtsamkeit fühlen sich immer gut an
Du setzt dich auf dein Meditationskissen – und nichts spannendes passiert. Oder du fühlst auf einmal all die Dinge, die du eigentlich nicht fühlen wolltest, weil sie so schwer auszuhalten sind.
Leben ist eine bunte Mischung aus Dingen, die wir lieben und Dingen, die wir nicht leiden können. Es wird immer Dinge geben, die dir nicht gefallen, die unangenehm oder schmerzlich sind. Achtsamkeit ist kein Zauberstab, der alles in Wohlgefühl, Friede, Freude und Zufriedenheit verwandelt. Achtsamkeit hilft dir, realistisch zu sein, und einen guten Umgang mit der Realität zu finden.
Das ist insbesondere wichtig bei Dingen, die du nicht ändern kannst. Das Leben ist voll davon: Anstrengende Mitmenschen. Nervige Aufgaben. Krankheit. Altern. Die Vergänglichkeit alles Schönen.
Achtsamkeit keine Flucht vor der Welt, sondern ein bewusstes Erleben eines jeden Moments. Dazu gehört: Wenn du traurig bist, die Traurigkeit zu fühlen. Wenn du erkrankt oder verletzt bist, anzunehmen, dass du gerade krank oder verletzt bist. Geräusche und Umstände aushalten, die du nicht magst.
Das ist nicht immer leicht, und vor allem nicht immer angenehm. Aber es erlaubt dir, deine Energie sinnvoll zu investieren, anstatt sie mit Ablenkungsmanövern und Hadern sinnlos zu vergeuden. Im Buddhismus gibt es den Spruch: „Schmerz ist unausweichlich, Leiden ist optional.“
Mit „Schmerz“ ist alles gemeint, was deiner Vorstellung von einer schönen Welt widerspricht: Dass es ausgerechnet heute regnet, dass deine Lieblingstasse einen Sprung hat, dass deine nervige Kollegin nicht aufhört zu reden, dass du Rückenschmerzen hast, dass deine Arthrose fortschreitet, dass ein geliebter Mensch stirbt.
Leiden ist das Herumwühlen im Schmerz, das Hadern, das Ich-will-das-aber-nicht, das Drüber-Aufregen, Lästern, Bockig-Sein, Ignorieren, Ablenken, Verhandeln,… Macht die ganze Sache nicht angenehmer, verbraucht eine Menge Energie - und ändert vor allem überhaupt nichts an der Situation.
Also: Hinschauen, Fühlen, Aushalten, Durchatmen. Annehmen und akzeptieren, dass diese Dinge zum Gesamtpaket „Leben“ dazugehören, und die gleiche Daseinsberechtigung haben wie Sonnenschein, Urlaub, gute Laune, Jugend, Liebe und Freundschaften. Achtsamkeit bedeutet dein Leben in all seinen Facetten zu er-leben. Von Moment zu Moment. Damit dir das gelingt, trainierst du diese Fähigkeit beim Meditieren.
Achtsamkeitsmeditation kann dir schöne, angenehme und spannende Erlebnisse schenken. Sie wird aber oft auch anstrengend, langweilig oder ganz und gar unspektakulär sein. Beim Meditieren selbst habe ich persönlich selten „Wow“-Momente. Aber dadurch, dass ich regelmäßig meditiere, erlebe ich in meinem Alltag mehr Stabilität, Klarheit und Stärke.
Die Effekte der Praxis kommen ganz unscheinbar und unverhofft daher, und können lebensverändernd sein: Wenn du einen wunderschönen Moment in vollen Zügen auskostest, und nicht an gestern oder morgen dabei denkst. Wenn du es schaffst, das oben beschriebene Leiden und Hadern abzukürzen, und einfach sagen kannst: Passt mir nicht. Ist jetzt aber so. Und das und das kann ich jetzt machen, damit es mir trotzdem damit halbwegs gut geht.
4. Fazit
Achtsamkeitsmeditation ist keine Wellness-Veranstaltung, keine Traumreise und keine Flucht vor der Welt und deinem Leben.
Achtsamkeitsmeditation bringt dich hinein in den Moment – mit allem, was dazu gehört. Das ist mal mehr, mal weniger angenehm. Aber genau darin liegt die Wirkmacht der Praxis:
Erst wenn du die Dinge wirklich wahrnimmst und als Teil deiner Realität anerkennst, anstatt sie zu ignorieren oder vor ihnen wegzulaufen – erst dann kannst du gute Entscheidungen treffen. Für deine Gesundheit, deine Beziehungen, dein Leben. Immer wieder neu, von Moment zu Moment.
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